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Die Birke — ein weiblicher Pionier

Die Birke ist ein Baum der ersten Stunde. Diese erste Stunde schlug nicht einmalig nach der Eiszeit. Sie beginnt seitdem regelmäßig, quasi stündlich.

Baugruben werden ausgehoben und dem Bauherren geht das Geld aus. Fabriken schließen — die Fabrikgelände werden nicht mehr genutzt. Über stillgelegte Bahngleise fahren keine Züge mehr. Brachflächen werden nicht mehr bewirtschaftet. Überall, wo sich der Mensch zurückzieht, schlägt die Stunde für Pioniergehölze.

Wo kein Besen mehr fegt, nutzt die Birke ihre Chance blitzschnell. Mit einer riesigen Schar von Samen schlägt sie erbarmungslos zu. In jeder noch so engen und kargen Ritze fühlen sich die kleinen Birkensamen wohl und keimen. Die Birke erobert das vom Menschen verlassene Land für die Natur zurück.

Mit ihren Blättern ist sie in der Lage, in wenigen Jahren kargen Boden mit einer komfortablen Humusschicht zu überziehen. Birken gehören zu den Lichtbaumarten und haben eine Lebenserwartung von etwa 120 Jahren. Im Laufe der Zeit siedeln sich andere Bäume, wie zum Beispiel Eichen und Buchen im Unterholz an und lauern nur auf das Absterben der wegbereitenden Pioniergehölze. Die Bäume der zweiten Generation profitieren jetzt von der vollen Sonneneinstrahlung und bewalden die Fläche dauerhaft.

Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Birkenarten. Die Zwergbirke (Betula nana) und die Strauchbirke (Betula humilis) sind die kleinsten. Sie wachsen strauchartig und sind im nördlichen Skandinavien beheimatet. Die Sand- oder Hängebirke (Betula pendula) sowie die Moorbirke (Betula pubescens) sind unter anderem im deutschsprachigen Raum heimisch und häufig anzutreffen. Sand- und Moorbirke lassen sich leicht an ihren weißen, mit schwarzen Flecken übersäten Stämmen erkennen.

Sie eindeutig ihrer Art zuzuordnen, ist auch für einen Fachmann nicht immer leicht, da es bereits sehr viele natürliche Kreuzungen gibt. Der Habitus der Hängebirke — als Habitus bezeichnet man die Silhouette oder das äußere Erscheinungsbild einer Pflanze — wird perfekt durch die Namensgebung beschrieben.
Die langen, dünnen Zweige hängen am Ende der Äste und pendeln (pendula) im Wind. Bei der Moorbirke fehlen diese feinen Zweige, die kronenbildenden Äste haben eine eher aufstrebende Wuchsrichtung.

Zwei Birken, die farblich völlig aus der „Art schlagen“, sind die rotlaubige Hängebirke (Betula pendula ’Purpurea’) sowie die Schwarz Birke (Betula nigra). Die Stämme der Schwarzbirke sind üppig mit den dunkelroten bis schwarzen Rindenfetzen überzogen.

’Purpurea’) sowie die Schwarz Birke (Betula nigra). Die Stämme der Schwarzbirke sind üppig mit den dunkelroten bis schwarzen Rindenfetzen überzogen.

Bei Künstlern besonders beliebt sind Stammstücke mit Maserknollen oder Holzkropf. Die Entstehung dieser „Wucherung“ ist noch nicht abschließend geklärt. Vermutlich handelt es sich um eine Ansammlung schlafender Augen. Aus diesen Maserknollen lassen sich Schalen und Furniere mit einer sehr schönen Maserung herstellen. Trocknung und Verarbeitung erweisen sich jedoch manchmal als schwierig.

Zwischen abgrundtiefer Abneigung und hochgradiger Sympathie pendelt der Baum in der Gefühlswelt der Menschen. Die eine Fraktion quält sich alle Jahre wieder mit einer zum Teil sehr heftigen Pollenallergie. Sie würden am liebsten alle Birken mit einer Kettensäge streicheln. Die andere sieht eher den Nutzen des Baumes. Zarte und junge Blätter lassen sich in Salaten und Tees verwenden. Aus Birkensaft wird Birkenwein und Haarpflegemittel hergestellt. Die wasserdichte Rinde trennt Fundamente und Balken seit jeher im Blockhausbau, oder dient als Wandung für Brotdosen und Kanus. Das Holz eignet sich sogar ungetrocknet als Brennholz und hat so schon viele Menschen gewärmt.

Wie bereits erwähnt werden Birken nicht viel älter als 100 bis 120 Jahre. Dann weht der Wind die Äste aus der Krone. Holz zersetzende Pilze beginnen mit dem „Rückbau“. Der Zunderschwamm zersetzt die Birke. Er wurde unter anderem vom Gletschermann Ötzi zum Entfachen eines wärmenden Feuers verwendet. Daher stammt das Sprichwort: „Es brennt wie Zunder.“

Häufig anzutreffen ist auch der Birkenporling, der über einige Jahre in und von einer Birkenruine lebt. Beim Fotografieren der Bilder hatte ich Glück, dass mir kein Ast auf den Kopf gefallen ist. Dies ist jedoch kein Wunder, denn die Birke nährt ein bekanntes Glückssymbol — den Fliegenpilz...

Veröffentlicht:
Zeitschrift: NaturErleben 2005/4

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