Teil 4 vom 17. November bis 7. Dezember 2014 - Pflanzen und mehr ...

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Teil 4 vom 17. November bis 7. Dezember 2014

Gärtneraustausch
Tipp:
Reisebericht Brasilien 2014

Personen:
Marina Portugal Torres – Belo Horizonte MG / Brasilien
Bruno Cupertino – Belo Horizonte MG / Brasilien
Helge Masch – Hamburg / Deutschland

Was zuvor geschah:
• Teil 1 in 2006: Marina – unter Gärtnern und vor allem unter Brasilianern ist es üblich, sich beim Vornamen zu nennen – besucht Hamburg und arbeitet im Botanischen Garten Hamburg.

• Teil 2 in 2007: Mit dem Abflug am 11. September begann für mich, Helge, der Internationale Gärtneraustausch. Zwei Wochen in Brasilien - Belo Horizonte im Botanischen Garten der Fundação Zoobotânica.

• Teil 3 in 2011: Marina und ihr Kollege Bruno kommen für 3 Wochen nach Hamburg. Ihre Stationen sind die internationale gartenschau 2013 (in Bau), Planten un Blomen, Abstecher in Norddeutsche Baumschulen und der Botanische Sondergarten Wandsbek

Der Austausch 2014
Brasilien 2014 - das Land der Fußballweltmeisterschaft. Belo Horizonte - die Stadt, in der Straßenbrücken zusammenbrechen und Deutschland 7:1 gegen Brasilien gewonnen hat. Mit einem etwas flauen Gefühl im Magen trat ich die Reise an. Ob die Brasilianer noch maulig mit uns sind? Nicht die Spur! Die Jungs von Jogi haben ganze Arbeit geleistet. Meine Entschuldigungen zum 7:1 wurden lachend entgegengenommen, kein Problem.

Jetzt aber zum Gärtneraustausch. Bäume, Giftpflanzen und Homöopathie bei Pflanzen waren die Schwerpunkte dieser Reise. Sehr neugierig war ich darauf, wie es sich in einem Land mit wenig Geld und ohne Winter arbeitet.

Bei meinem ersten Besuch hatte ich aufgrund der Sprachbarriere mit nur wenigen Gärtnern mit Englisch-Kenntnissen Kontakt. Diesmal konnte ich diese Barriere mithilfe meiner inzwischen erworbenen Portugiesisch-Kenntnisse durchbrechen. Ein großer Gewinn für beide Seiten, was mir und den Kollegen unendlich viele Eindrücke und Erkenntnisse bescherte.

Dies gipfelte am letzten Tag des Gärtneraustauschs in meiner Präsentation mit dem Thema „Gärtnern in Deutschland“. Die abschließende Frage, was ich in den letzten drei Wochen in Belo Horizonte und im Botanischen Garten überhaupt gemacht habe, löste eine tolle Fragerunde zwischen den Gärtnern und mir aus. Eine derartige Diskussion war in diesem Kreis zuvor nicht üblich gewesen. Normalerweise macht der Chef die Ansagen und die Arbeiter hören schweigend zu.

Seit meinem letzten Besuch hat sich das Aufgabengebiet des Gartens erweitert. Während die Verantwortung früher nur in der Sammlung, dem Besucherbereich und der Produktion von Bäumen für die Stadt lag, sind die Parkpflege im Zoo und die Produktion von pflanzlicher Tiernahrung hinzugekommen. Jorge, der ehemalige Leiter des Gartens ist jetzt Chef der Fundação Zoobotânica (FZB BH). Der Chef der neuen „grünen Abteilung“ heißt Neco. Im Privatleben ist er Farmbesitzer.

Bäume
Ziel der „Baumschule“ im Botanischen Garten ist es, nicht nur dekorative tropische Bäume in den Straßen zu pflanzen, sondern auch Gehölze zu kultivieren, die in der Region heimisch sind. So begleitete ich die Kollegen beim Saat sammeln in den Straßen und auf den wenigen naturbelassenen Flächen der Stadt. Erfrischend war zu beobachten, dass die Bürger sich um ihre Bäume sorgten und nachfragten, warum wir uns an „ihrem Baum“ zu schaffen machten. Das gesammelte Saatgut wurde gereinigt und direkt zur Aussaat gegeben.

Das Keimergebnis der letzten Aussaat von Ouratea castanifolia war gleich null. So wurden jetzt Keimversuche mit den drei gängigen Substratmischungen des Gartens und einer Mischung à la Helge (Standardsubstrat, jedoch ohne Dünger) gemacht. Ergebnisse liegen noch nicht vor, aber Rodrigo, der Forstingenieur des Gartens, wird mich via Facebook auf dem Laufenden halten.

Bereits 2007 war es ein zentrales Gesprächsthema, die Vorgaben zu erfüllen, größere Bäume in die Stadt zu pflanzen. Die Bemühungen zeigten gute Erfolge. Neue größere Gefäße gaben den Pfahlwurzeln mehr Platz und die Pflanzen konnten mit einer Höhe von über 1,80 m gepflanzt werden.

Barriguda (Cavanillesia arborea) war mein persönlicher Baum der Reise. Immer wieder präsentierte sich das Gehölz mit neuen Informationen an verschiedenen Standorten. Für mich neu war, dass ein Baum seine Saat bereits in der Baumkrone keinem lässt. Kleine goldfarbene Körner binden Regenwasser und verwandeln sich zu einem glibberigen Gel. Diese Feuchtigkeit lässt den Embryo wachsen. Vom Baum segeln ganz sanft die Jungpflanzen, die sich in der oberen lockeren und trockenen Laubschicht auf dem Boden dank des feuchten Gels gut weiterentwickeln und im Boden verwurzeln können.

Giftpflanzen und Tiririca
Mein persönliches Lieblingsthema sind die Giftpflanzen. Diese Pflanzengruppe wird im BG Bello Horizonte nur im Bereich der Heilpflanzen thematisiert. Albina, die Leiterin der Heilpflanzenabteilung, erklärte mir hervorragend ihren Arbeitsbereich und zeigte mir viele spannende Pflanzen.

Nachmittags ging es dann zur Unkrautbekämpfung in den Heilpflanzengarten.
Tiririca (Cyperus rotundus), eine Pflanze, die Ausläufer und Bulben bildet, macht den Gärtnern das Leben schwer. Nach nicht einmal 14 Tagen sieht die von Tiririca befreite Fläche aus, als wäre sie nie gereinigt worden. Um ihre Arbeitsleistung zu dokumentieren, lassen die Gärtner die gejäteten Tiririca am Wegesrand liegen. Zunächst fragte ich mich, wo das Problem lag, denn die Pflanzen lassen sich problemlos entfernen. Doch beim Jäten reißen die kleinen Bulben ab und bilden so die Grundlage für den nächsten Pflegedurchgang. Das Schlimme ist, dass dieser Kreislauf nicht einmal durch eine „Winterruhe“ der Pflanze unterbrochen wird. Und täglich wächst Tiririca - grausam!

Homöopathie bei Pflanzen
Ich muss zugeben, wenn jemand seine Entscheidungen mit einem Pendel trifft, beginne ich zu zweifeln. Vermutlich bin ich zu bodenständig. Dennoch hat mich die Arbeit von Marina überzeugt. Wenn wir konventionellen Gärtner mit der chemischen Keule kommen, ist dies auch kein Ergebnis, das ewig anhält. Früher oder später kommen die Schädlinge einfach wieder. Von den gleichen Ergebnissen berichtete mir Marina auch am Beispiel der gefräßigen Raupen an Frangipani (Plumeria).

Dem Alkoholauszug wird ein Tropfen entnommen und mit 99 Tropfen Alkohol in einer anderen Flasche gemischt, indem man 100 Mal die Flasche auf eine Unterlage stößt. Diese Mischung wird auf die gleiche Weise mindestens sechs Mal wieder verdünnt – klassische Homöopathie also. Aus 20 Tropfen der letzten Verdünnung und einem halben Liter Wasser wird eine Spritzbrühe hergestellt und im Sprühverfahren über die befallenen Pflanzen verteilt. Bei undefinierten Problemen wird eine Stammlösung aus Teilen der Pflanze hergestellt oder andere Pflanzen wie Zwiebel oder Arnika verwendet. Bei großen Gehölzen wird die „Spritzbrühe“ langsam über den Stamm laufen gelassen.

Hört sich für den konventionellen Gärtner seltsam an. Auch Marina räumt ein, dass die Behandlung nicht sofort anschlägt. Dann wird eben das Medikament gewechselt, bis es dem Patienten besser geht. Wichtig ist die genaue Beobachtung der Umwelt der schwächelnden Pflanze. Kulturfehler wie zu wenig Wasser, verdichteter Boden oder Nährstoffmangel durch Erosion lassen sich auch mit dieser Behandlungsmethode nicht bekämpfen. Ich denke, dass wir unter unseren europäischen Bedingungen noch mehr Geduld und Beobachtungzeit aufbringen müssen. In unserem Klima sind die Pflanzen einfach lahmer und machen häufiger Pause. So können die heilenden Stoffe nur langsam ans Ziel kommen. Dennoch sollten wir der Homöopathie bei Pflanzen unsere Aufmerksamkeit schenken – denn da tut sich was, auf umweltschonender Basis.

Besuche anderer Gärten und Ausflüge in die Natur
Inhotim
Schon bei meiner Reise 2007 habe ich eine Kunstausstellung in der Natur namens Inhotim besucht. Heute hat die Anlage die Stellung eines Botanischen Gartens. Die Grundfläche der Anlage hat sich wohl gut verdreifacht - Platz für mehr Pflanzen und mehr Kunst. Obwohl ich eigentlich von guter Orientierung bin, habe ich bei der ersten Rundfahrt bei leichtem Regen mit einem Golfcar nichts wiedererkannt. Auf meine Frage, wo denn der „alte Teil von 2007“ sei und dass ich nichts wiedererkennen würde, waren die Mitarbeiterinnen Lívia und Virgínia zufrieden. Bernardo Paz, der Erfinder und Hauptsponsor von Inhotim, hat folgende Parole ausgegeben: „Wer länger als ein Jahr nicht in Inhotim war, darf die Anlage nicht wiedererkennen.“ So werden regelmäßig Neu- und Umpflanzungen vorgenommen. Diese machen auch vor großen Palmen und Bäumen keinen Halt. Dieses Jahr hatte ich zwei Tage Zeit in Inhotim. Ich konnte genau hinsehen und mich mit den Gärtnern unterhalten. Pflanzen, Kunst und Geld sind in Inhotim eine gute Mischung. Der Eintritt ist für brasilianische Verhältnisse hoch (ca. 10 Euro), aber man bekommt viel geboten. Auch für die Mitarbeiter wird gut gesorgt. Es gibt eine große Kantine, die ein warmes Mittagsbuffet für alle bereithält. Krankenschwestern führten nach der Pause einen Gesundheits-Check-up durch und Aktionen wie zum Beispiel ein Mitarbeiterorientierungslauf über das Gelände am Besucherfreien Montag sorgen für ein gutes Betriebsklima. Mein Tipp: wer zufälligerweise in Belo Horizonte ist, sollte unbedingt mit dem Bus vom Busbahnhof aus nach Inhotim fahren. Es lohnt sich!

Nationalpark Rola Moça
Die Umgebung von Belo Horizonte ist eher karg und trocken, kein Amazonasfeeling. Hier herrscht eine niedrige Vegetation mit Kakteen und Velosia-Pflanzen vor, die lange Trockenheit, aber auch starke Wolkenbrüche und Brände vertragen. Humoser Boden Fehlanzeige.

Botanischer Garten und Naturhistorisches Museum
Der Botanische Garten der Universidade Federal de Minas Gerais (UFMG) stand auch auf dem Programm. Dieser Garten war eher ein Museum, in dem Heilpflanzen, ein Tastgarten und ein Wald neben toten Tieren (Insekten, Vögeln, Säugetieren), Mineralien und Dinosauriern auch eine Reise durch die sieben Sinne des Menschen präsentiert wurden. Schulklassen können hier Unterrichtseinheiten abhalten und im Sinne der Biodiversität wurde geforscht und archiviert.

Resümee:

Meine zweite Reise nach Belo Horizonte und mein drittes Zusammentreffen mit den Kollegen war deutlich „vertrauter und unaufgeregter“. Ich habe viele Dinge gesehen, die ich 2007 nicht wahrgenommen hatte. Die Gärtner und Kollegen der „FZB BH“ und vor allem in der „UFMG“ konnten nicht verstehen, dass ihr Alltag für mich höchst spannend war. Im Gegenzug erwischte ich mich bei der Erkenntnis, dass mein Alltag für andere neu und spannend ist. Die anfängliche Skepsis der Kollegen, die zum ersten Mal vom Internationalen Gärtneraustausch gehört hatten, ist schnell in helle Begeisterung gewechselt, verbunden mit dem Wunsch, auch an einem Austausch teilzunehmen. Der Gärtneraustausch ist nicht nur für den, der reisen darf, eine Bereicherung an Wissen, sondern auch für alle, die er unterwegs trifft.

Vielen Dank.

Kontakt:
Stiftung Internationaler Gärtneraustausch
c/o Loki Schmidt Stiftung
Steintorweg 8
D - 20099 Hamburg

www.gaertneraustausch.de

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